Der einsame Spaziergänger

Der einsame Spaziergänger Im Schatten des Parks

Im Schatten des Parks

(Ein innerer Monolog: Der einsame Spaziergänger; inspiriert von Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“)

Die Kastanien stehen kahl.
Nur der Wind spielt noch mit den letzten braunen Blättern,
und ich spüre, wie die Kälte sich durch meinen Mantel tastet,
wie ein Finger der Erinnerung.

Ich denke an Freud.
An seine Worte, die schwer auf der Seele liegen wie Novembernebel.
Nicht der einzelne Mensch ist krank, nein – die Krankheit liegt in der Kultur selbst, im leisen, ständigen Druck, unter dem wir atmen.

Man verlangt von uns,
dass wir lieben,
wo wir vielleicht hassen möchten.
Dass wir verzeihen,
wo unser Blut nach Vergeltung ruft.

Der Preis für den Frieden, denke ich, ist unser eigenes Herz.
Und dieses Herz, gebändigt und domestiziert, schlägt dennoch unruhig weiter,
heimlich trotzig gegen das goldene Gitter der Moral.

Ein Hund bellt in der Ferne.
Kinderlachen flackert kurz durch die kalte Luft, wie ein vergessenes Lied.
Ich frage mich, ob sie es später spüren werden,
dieses Unbehagen,
dieses namenlose Ziehen hinter den Rippen.

So wie ich,
der einsame Spaziergänger.

Freud hat recht:
Wir haben uns aus der Wildnis gerettet,
nur um neue Fesseln zu schmieden – feinere, innere.
Unsere Träume sind nicht frei; sie wandern durch die engen Gassen unserer Pflicht.
Unsere Sehnsucht nach Glück –
sie prallt an die Mauern des „Du sollst“ und „Du darfst nicht“.

Und doch –
wie könnte ich diese Kultur entbehren?
Wie könnte ich in eine Welt zurückwollen,
in der der Stärkere herrscht und der Schwächere verstummt?

Nein.
Ich nehme das Unbehagen an.
Als Preis und als Segen.

Ich ziehe den Mantel enger um mich,
gehe als einsamer Spaziergänger weiter,
während die Dämmerung sich wie eine zweite Haut über die Welt legt.
Und irgendwo, tief in mir,
flüstert eine leise Stimme:
Es ist gut, dass wir tagtäglich kämpfen.
Es ist gut, dass wir tagtäglich leiden.
Denn nur darin bleibt der Mensch Mensch.


Jedoch – so denke, meine und glaube ich. Wie mögen es andere sehen? Könnte ich es überhaupt wagen, mit anderen darüber zu sprechen?


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