Der alte Weise

Der alte Weise – Am Brunnen der Zeit

Am Brunnen der Zeit

Die Dämmerung sinkt langsam auf das Dorf herab.
Ich, der alte Weise, sitze auf der alten Bank neben dem Brunnen,
spüre die raue Maserung des Holzes unter meiner Hand,
und lausche den letzten Stimmen des Tages.

Wie viele Jahre habe ich hier gesessen?
Wie viele Sonnenaufgänge gesehen,
wie viele Stürme vorüberziehen lassen?

Die Worte Freuds begleiten mich,
wie ein leiser Nachhall in den stillen Räumen meines Denkens.
Das Unbehagen in der Kultur –
ein Gedanke, älter als jede Schrift,
älter vielleicht sogar als der Mensch selbst.

Ich, der alte Weise,
habe gesehen, wie die Menschen immer neue Wege suchten,
immer neue Gesetze, neue Bindungen, neue Träume webten,
um das Dunkel in sich selbst zu zähmen.
Und doch –
immer kehrte es zurück,
in anderen Gewändern, mit anderen Namen.

Sie haben Paläste gebaut und Systeme erdacht,
sie haben Maschinen gezähmt und Sterne berechnet,
und dennoch:
Ihr Herz blieb unruhig.
Immer tastend, immer suchend.

Es ist eine tiefe Wahrheit, denke ich:
Das Unbehagen ist nicht der Feind.
Es ist der zarte Stachel, der uns mahnt, nicht zu erstarren,
nicht zu glauben, wir seien fertig.

Nur wer sein eigenes Unbehagen umarmt,
nur wer es trägt wie einen stillen Gefährten,
wird fähig, wahrhaft menschlich zu sein.
Nicht übermenschlich –
sondern warm, fehlbar,
und doch lebendig.


Vielleicht ist das größte Werk der Kultur nicht der Turm, den wir bauen – sondern der Mut, auf schwankendem Grund aufrecht zu stehen.


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