Das Comeback des Verdrängten – Freuds späte Rache?

Das Comeback des Verdrängten – Freuds späte Rache? 

„Der Mensch ist nicht Herr in seinem eigenen Haus.“

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930)

Das Comeback des Verdrängten

Freud irrte. So hieß es jahrzehntelang.

Er war ein Kind seiner Zeit, sagten die einen, ein Patriarch im Inneren, ein Bourgeois in der Praxis. Andere warfen ihm vor, er habe die Sexualität überhöht, alles – von Neurosen bis zur Kultur – an Libido und Geschlecht geknüpft.

Die postmoderne Kritik an Freud war scharf, und sie war wirkungsvoll: Sex galt fortan nicht mehr als Grundtrieb, sondern als Konstrukt, Geschlecht als Diskursprodukt, Begehren als politisch formbar.

Doch dann kam die paradoxe Wende:

Das Comeback des Verdrängten!

Kaum war Freud in den Gelehrtenzimmern entmachtet, drängte das Thema mit ungebrochener Kraft zurück – diesmal nicht in analytischen Sitzungen, sondern auf Straßen, Bühnen, Netzwerken, Lehrplänen. Sexualität und Geschlechtsidentität avancierten zu den zentralen Schauplätzen kultureller Selbstvergewisserung. In Talkshows, Feuilletons und Kommentarspalten wird nicht über den Sinn des Lebens gestritten, sondern über Begriffe wie queer, cis, non-binär, intersektional. Die Identitätsfrage ist zur Geschlechtsfrage geworden – und zur moralisch aufgeladensten überhaupt.

Was ist da passiert?

Erleben wir wirklich ein Comeback des Verdrängten?

Man könnte es ironisch mit Freud selbst deuten: Das Verdrängte kehrt wieder – in anderem Gewand, aber mit unverminderter Wucht.
Was die Postmoderne mit einem Schmunzeln als Konstruktion bezeichnete, ist längst zum existenziellen Zentrum geworden.
Sex und Geschlecht wurden entbiologisiert – und dadurch nicht etwa bedeutungslos, sondern umso bedeutungsvoller. Wer bin ich? Was begehre ich? In welchem Körper lebe ich? Diese Fragen stellen sich heute nicht nur marginalisierte Gruppen, sondern eine ganze Generation.

Wir erleben eine seltsame Umkehrung: Während frühere Kulturen versuchten, das Sexuelle zu zähmen, zu bändigen, in Normen zu fassen, wird heute das sexuelle Selbst als Quelle aller Wahrheit beschworen. Es ist nicht mehr das Schweigen über das Sexuelle, das Angst macht – es ist das permanente Sprechen darüber. Und was früher im Schatten des Schweigegebots lag, steht heute unter dem Druck ständiger Sichtbarkeit und Anerkennung.

Ist das also die späte Rache Freuds?

War sein Unbehagen in der Kultur doch mehr als bürgerliche Neurosenprosa?
Ist es möglich, dass Sex und Geschlecht tatsächlich zu den tiefsten Ausdrucksformen unseres Menschseins gehören – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Ambivalenz, ihrer Verletzlichkeit, ihrer ungeheuren symbolischen Aufladung?

Es wäre ein schockierendes Eingeständnis – vor allem für jene, die glaubten, mit der postmodernen Dekonstruktion aller Normen auch die Tiefe des Begehrens überwunden zu haben.

Vielleicht war Freud nicht überholt, sondern einfach nur zu früh. Vielleicht wollte die Moderne ihm nicht glauben, weil sie sich selbst zu rational, zu frei, zu aufgeklärt wähnte. Und nun, inmitten postmoderner Bruchlinien, beginnt sich etwas zu zeigen, das unangenehm vertraut wirkt: Dass der Mensch – allen Konstruktionen zum Trotz – ein Wesen ist, das an der Schwelle zwischen Körper und Geist, Trieb und Idee, Begehren und Sprache lebt.

Ob das eine Rückkehr Freuds, das Comeback des Verdrängten bedeutet oder den Aufbruch in ein neues, noch ungekanntes Denken von Subjektivität – das bleibt offen.

Aber das Staunen über diese Entwicklungen in unserer noch postmodernen Gegenwart, ist vielleicht der erste ehrliche Schritt:
Ein Staunen darüber, dass wir am Ende dort suchen, wo wir längst glaubten, entkommen zu sein.


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