Im Zugabteil nach Nirgendwo
Die Landschaft zog an ihnen vorbei, grau und stumpf wie ein Bleistiftstrich: Felder, die noch im Winterschlaf lagen, leere Landstraßen, vereinzelte Häuser mit heruntergelassenen Rollos. Michael und Clara saßen sich gegenüber in einem halbleeren Abteil, ein alter Regionalzug, Holzimitat-Tische, verblichene Sitze. Das historisch anmutende rhythmische Rumpeln der Schienen war wie ein zweiter Atem, leise, konstant.
Clara schaute aus dem Fenster. Ihre Stirn spiegelte sich im Glas.
Clara:
Ich mag dieses Gefühl, unterwegs zu sein und nicht genau zu wissen, wohin.
Das hat etwas Ehrliches.
Nicht planen. Nur fahren.
Michael:
Ich wünschte, das ließe sich auf das eigene Leben übertragen.
Aber da erwarten alle einen Plan.
Ein Narrativ. Ein Ich.
Clara: (dreht sich zu ihm)
Du meinst, eine Identität?
Michael:
Ja. Und zwar eine, die kohärent ist, schlüssig, durchsetzbar.
Eine, die man „besitzen“ kann.
Ich merke immer wieder: Diese oberflächliche Vorstellung von Identität passt nicht mehr zu meinem Erleben.
Ich bin nicht ein Ich. Ich bin Teil von etwas weitaus Größerem.
Clara:
Ich denke oft: Ich bin ein Fluss.
Mit Strudeln, mit Algen, mit alten Reifen darin.
Und manchmal bin ich nur Dunst über dem Wasser.
Clara lächelt leicht. Michael wirkt für einen Moment ernst, fast erschrocken über die Schönheit ihrer Worte.
Michael:
Das ist poetisch.
Aber die Welt da draußen verlangt nicht nach Poesie.
Sie verlangt nach Festlegung.
Clara:
Vielleicht ist gerade das die Krankheit.
Unsere Krankheit.
Dass wir uns selbst festlegen wollen wie einen Besitz.
Ich erlebe meine Identität eher wie ein Feld, durch das Wind streicht.
Manchmal wachsen Blumen. Manchmal bleibt es kahl.
Michael:
Und was ist dann Verlässlichkeit?
Was bleibt, wenn sich alles bewegt?
Clara:
Das, worauf du antwortest.
Worauf du innerlich reagierst, auch wenn sich die äußere Form verändert.
Vielleicht ist nicht die Identität konstant – sondern das Lauschen.
Dein innerer Ton.
Michael nickte langsam. Er sah aus dem Fenster, als suchte er dort eine Bestätigung.
Michael:
Früher dachte ich, meine Biografie erzählt mich.
Jetzt habe ich das Gefühl, sie verschweigt mich.
Clara:
Vielleicht, weil Biografien Konstruktionen sind.
Rückblicke in Zeitform.
Aber wer wir sind, zeigt sich nicht in Lebensläufen, sondern in Übergängen.
In Momenten, in denen wir aus der Spur geraten –
oder sie bewusst verlassen.
Ein kurzer Piepton. Eine Durchsage. Nächster Halt: – Der Name einer Ortschaft wurde unverständlich verrauscht ausgerufen. Niemand stieg ein oder aus.
Michael:
Und was wäre dann Identität in einer metamodernen Welt?
Clara:
Eine Beweglichkeit mit Wurzeln.
Ein Ich, das nicht starr ist, sondern durchlässig.
Nicht beliebig, sondern beziehungsfähig.
Nicht festgelegt – sondern wach.
Michael:
Das klingt wie eine Kunstform.
Clara:
Vielleicht ist das Ich am Ende genau das:
Ein Kunstwerk im Werden.
Nicht als Pose – sondern als Antwort auf das, was ruft.
Sie sagte es ruhig, ein wenig emphatisch. Als wolle sie den Satz lieber im Raum lassen, als ihn besitzen. Draußen wurde es dunkler. Licht spiegelte sich in den Scheiben. Und irgendwo in der Tiefe der Bewegung schien sich etwas für einen Moment zu beruhigen.
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