I – Zwischen Bildern

Zwischen Bildern – Ein Gespräch auf der Schwelle

Zwischen Bildern – Ein Gespräch auf der Schwelle

Die Galerie war hell, fast grell.
Lichtquellen von oben, von der Seite, von hinten – ein Raum wie aufgebrochen. Die Wände trugen nichts Klassisches, nichts Festes. Stattdessen: Körperfragmente, Fotomontagen, Digitaldrucke mit übermalten Zitaten. Manche Werke wirkten ironisch, andere aufgeladen, viele schienen vor allem durch ihr Kontextwissen Bedeutung zu tragen.

Clara stand mit einem Glas Weißwein in der Hand vor einer Installation, die aus aufgetrennten Stoffpuppen bestand. Dazwischen Neonworte: „Desire was never yours.“
Michael trat neben sie. Seine Hände in den Taschen seiner weiten Hose, sein Blick offen, aber nicht ganz unberührt.

Michael:
Ich wollte eigentlich nichts sagen. Aber…
Freud wäre begeistert gewesen.

Clara:
Weil alles hier nach Begehren schreit?

Michael:
Nein. Weil es alles zeigt – und dabei nichts preisgibt.
Weil Sexualität hier wie eine Formel hängt. Übercodiert.
Und gleichzeitig so – körperlos.

Clara: (wendet sich ihm zu)
Du meinst, der Trieb wurde ästhetisiert?

Michael:
Eher: zerschnitten, verkrüppelt.
Zerlegt in seine Diskursbestandteile.
Ich frage mich, ob das nicht genau der Punkt ist, an dem Freud wie ein unheimlicher Geist aus seinem Grab wieder auftaucht.
Nicht als psychoanalytischer Therapeut – sondern als Gespenst.
Eines, das höhnisch lacht.

Clara:
Weil wir glaubten, ihn besiegt zu haben?

Michael:
Ja. Weil wir dachten, wir könnten das Begehren beherrschen, indem wir es permanent verhandeln.
Aber stattdessen ist es überall.
In jeder Überschrift, jedem Leitbild, jedem Selbstporträt.
Und, bitte verstehe, es ist mir – unheimlich.
Es bereitet mir Angst.
Und ich weiß nicht: Eine Angst, aber wovor?

Clara schwieg. Sie ließ den Blick über die Menschen schweifen, die sich zwischen den Werken bewegten. Allesamt urban, kultiviert, aufgeklärt. Und dennoch lag etwas in der Luft. Eine Unruhe. Vielleicht auch ein Gieren nach Bedeutung, das sich hinter Ironie versteckte.

Clara:
Was, wenn das Begehren tatsächlich mehr ist als eine Zuschreibung?
Nicht konstruiert, sondern – hervorgebrochen?
Nicht das, was wir sagen, sondern das, was uns drängt?
Das, was uns zwingt? – Schicksalhaft?
Vielleicht ist das der Fehler der Postmoderne:
Sie wollte das Begehren verstehen, ohne es zu fühlen.

Michael:
Und die Moderne davor wollte es beherrschen.
Vielleicht ist genau da die Schnittstelle, an der wir jetzt stehen.
Nicht mehr repressiv – aber auch nicht mehr frei.
Ein Schwebezustand.
Voll von Regeln.
Und fast niemandem ist mehr klar, warum wir eigentlich reden –
und worüber wir besser schweigen sollten.

Clara trat einen halben Schritt näher an das Kunstwerk heran.
Ihr Blick ging nicht zum Text, sondern zu den aufgetrennten Puppen.
Irgendetwas daran rührte sie.

Clara:
Vielleicht ist das die Aufgabe:
Nicht das Begehren zu zähmen oder zu deuten –
sondern es zu begleiten.
Wie ein Tier, das sich nachts zu dir legt.
Das dich wärmt. Und beißt.
Und dessen Sprache du nicht lernst –
aber ehrst.

Michael: (leise)
Freud hätte dich gemocht.

Clara:
Er hätte mich analysiert.

Michael:
Und du hättest ihn verwirrt.


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