Die innere Stimme einer Frau am Fenster
Wien / Berlin – um das Jahr 1935
Das Glas ist beschlagen.
Ich male mit dem Finger Kreise hinein, nur flüchtige Zeichen,
so wie Gedanken, die kommen und vergehen.
Draußen liegt die Straße still,
nur ein alter Mann schiebt mühsam einen Handwagen vorbei,
und die graue Welt umarmt,
umschlingt, umklammert, verschluckt ihn –
schweigend.
Und ich bin nur die Frau am Fenster.
Ich habe heute wieder heimlich das Buch dieses neuartigen Wiener Arztes aufgeschlagen: Sigmund Freud heißt er.
Sein „Unbehagen in der Kultur“ –
als hätte er in Worte gefasst, was in mir schon lange flüstert.
Es ist schwer, eine Frau zu sein in dieser Welt.
Die Regeln, die Schranken –
sie sind wie feine, unsichtbare Fäden,
gesponnen aus Erwartung, Pflicht und stiller Entsagung.
Man erwartet von mir Liebe, Sanftmut, Opfer.
Doch was ist mit dem anderen in mir –
dem Trotz, dem Wunsch zu rufen, zu fordern,
nicht immer nur zu geben?
Freud sagt, die Kultur fordere Triebverzicht.
Aber verlangt sie von uns Frauen nicht noch mehr?
Nicht nur Verzicht –
sondern Vergessen.
Vergiss deinen Zorn.
Vergiss deine eigenen Wünsche.
Vergiss, dass du mehr bist als ein Spiegel für die Sehnsucht der anderen.
Ich streiche den beschlagenen Kreis glatt,
schaue hinaus in den beginnenden Abend.
Vielleicht tragen wir Frauen ein tieferes Unbehagen,
weil wir das Band zur wilden Natur nie ganz verloren haben.
Weil wir ihre Stimmen noch hören –
leise, in Nächten, wenn die Welt schläft.
Und doch:
Auch ich liebe diese Kultur,
dieses fragile Gebilde aus Regeln und Worten,
aus Musik und Büchern und Gesten –
und aus geheimen, noch verbotenen Gedanken.
Aber ich liebe diese Kultur nicht blind.
Ich weiß um ihren bitteren, blutigen Preis.
Vielleicht, denke ich,
liegt wahre Stärke nicht darin, das Unbehagen zu besiegen –
sondern es zu tragen.
Wie eine verborgene Melodie,
die mich daran erinnert,
dass ich lebe.
Aus dem Fenster der Sehnsucht wandert der Blick weiter – hinein in die Hände, die Farben und Worte suchen …
Nächste Seite: Der Künstler im Atelier
Vorherige Seite: Der einsame Spaziergänger im Park

