Der Komponist in der Stille

Der Komponist in der Stille – In der Stille zwischen den Tönen

In der Stille zwischen den Tönen

(Die Gedanken eines Komponisten in der Stille über das Unbehagen in der Kultur)

Die Partitur liegt offen vor mir,
Zeilen aus Tinte, Pausen, Fluchten.

Ich, der Komponist in der Stille,
starre auf die Noten,
aber höre nur die Stille.
Die große, schwere, atmende Stille.

Seit Tagen kreisen meine Gedanken um Freuds Worte.
Dieses „Unbehagen“ –
wie ein heimlicher Grundton, den jede Melodie überdecken will und doch nicht zum Schweigen bringt.

Die Kultur, sagt er, ist ein Werk der Verdrängung.
Ein Gerüst, das unsere wilderen Stimmen bannt.
Aber ich frage mich:
Ist Musik nicht gerade die Kunst, in der das Verdrängte wieder spricht?

Ich kenne ihn gut, den verborgenen Drang,
das wilde, bebende Sehnen,
das sich nicht beugt, das hinaus will in die Weite.

Durch mich;
durch den Komponisten in der Stille.

Wenn ich komponiere,
suche ich nicht nur nach Ordnung –
ich suche nach Wahrheit.

Manchmal lausche ich in mich hinein,
und ich höre nicht die Harmonie, die die Welt mir abverlangt,
sondern die aufsteigende Dissonanz, das heimliche Aufbegehren,
das leise, unerschütterliche „Nein“ des Herzens gegen zu enge Formen.

Ich könnte Musik schreiben, die nur gefallen will.
Glänzende Oberflächen, gezähmte Rhythmen, süße Versöhnungen.
Aber ich weiß:
Das wäre Verrat.

Denn tief in der Musik lebt das Unbehagen,
als heimliche Wahrheit.
Es singt in den dunklen Moll-Akkorden,
zittert in den gebrochenen Rhythmen,
versteckt sich in der unvollendeten Kadenz.

Vielleicht, denke ich,
ist Musik die letzte Zuflucht des wilden Menschen im gezähmten Kleid.

Ich schließe die Augen.
Ein Motiv schwebt mir zu, dunkel, tastend, wie eine verlorene Frage.
Ich notiere es.

Ich, der Komponist in der Stille.

Nein, ich will es nicht glätten.
Nicht schöner machen als es ist.

Denn vielleicht,
gerade vielleicht,
ist darin das wahrste Lied der Kultur:
Ein Lied, das nicht triumphiert,
sondern trägt.

Das das Unbehagen nicht besiegt –
sondern ihm Heimat schenkt.


Wenn das Lied verklingt, bleibt die Stille –
und in ihr sitzt einer, der das Auf und Ab der Welt mit mildem Blick betrachtet …


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