Das Unbehagen – ein ewiger Schatten der Kultur
(nach Motiven aus Sigmund Freuds Abhandlung: „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahr 1930)
Vor 100 Jahren geschrieben:
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen …
Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930) – Satz 1
Am Ursprung des Menschseins steht ein Aufschrei – ein Wesen, verletzlich geboren, von Kräften bedrängt, die es nicht wählte.
Sein eigener Körper, der unweigerlich vergeht.
Die äußere Natur, groß und gleichgültig.
Und nicht zuletzt: die anderen Menschen, Brüder im Leid und Rivalen im Begehren.
Um diesen Schrecken zu bannen, beginnt der Mensch zu bauen: Häuser gegen den Sturm, Regeln gegen den Übermut, Worte gegen die Stille.
Kultur wächst wie ein schützender Mantel um das nackte Leben.
Sie verspricht Frieden, Sicherheit, Bindung –
doch ihre Münze hat zwei Seiten.
Was der Schutz fordert, ist Verzicht:
auf die freie Entfaltung des Triebes,
auf die wilde Lust,
auf die süße Rache.
Ein stilles Opfer wird verlangt: das Opfer der eigenen Natur.
Und je vollkommener die Kultur ihre Ordnung ausbreitet, desto stärker wächst das Unbehagen,
das Unbehagen über das Opfer der Natur,
der eigenen Natur!
Nicht weil die Kultur scheitert – sondern gerade, weil sie gelingt.
Denn tief im Innern gärt die alte Glut.
Der Mensch liebt nicht unwillkürlich seinen Nächsten; er begehrt, er beneidet, er zerstört.
Das hohe Gebot der Nächstenliebe klingt über sein Herz hinweg wie ein ferner Glockenschlag im Nebel.
Öd und leer.
So bleibt der Mensch gespalten:
Sein Eros, der binden und bewahren will, ringt gegen den dunklen Thanatos, der zerreißen und beenden möchte.
In jedem von uns tobt der Krieg, den die Völker auf den Schlachtfeldern nur spiegeln.
Freud, ein skeptischer Zeuge der Seele, schaut auf dieses Drama –
ohne Illusion:
Die Kultur, so erkennt er, ist keine Himmelstreppe, sondern eine zarte Decke über einem Abgrund.
Und das Unbehagen –
diese stille, bohrende Unzufriedenheit –
sie wird nicht verschwinden.
Das Unbehagen,
diese stille, bohrende Unzufriedenheit,
sie ist der Preis für das Wunder,
überhaupt zusammenleben zu können.
Vielleicht, so hofft Freud leise, wird uns die Kraft der Bindung, die große Arbeit des Eros, in Schach halten.
Vielleicht wird der Mensch lernen, seine wilden Kräfte zu zähmen, sich nicht selbst zu vernichten.
Aber der Schatten bleibt.
Er gehört zum Menschen wie sein Atem.
Und wer ihn verdrängt, der versteht weder sich selbst noch das grauenvoll zarte Wunder der Kultur.
Nächste Seite: Stimmen im Abendwind
Vorherige Seite: Wo Denken auf Herzblut trifft

